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Ein Lichtwesen namens Erik
Letztes Jahr hatten wir einen Besucher bei uns. Ein Paar Tage vorher hörten wir immer jemanden schreien, konnten aber nicht zuordnen, wer das sein könnte. Es hörte sich an wie ein Vogel, sehr hoch und durchdringend. Gesehen haben wir aber nichts.
Dann haben wir unsere Ziegen geholt. Diese zeigten uns sofort, dass der Zaun, so wie er war, keine besondere Hürde für sie ist. Ich stand also am Zaun und machte ihn ziegensicher, auf Einmal stand ein Rehkitz einen Meter von mir entfernt auf der anderen Zaunseite und gab diesen durchdringenden Ruf von sich. Ich konnte sehen, dass der Kleine eine Wunde am Kopf hatte, in der schon Maden drin waren. Ich wusste sofort, SO würde er nicht lange überleben. Ich habe ihn gleich eingefangen, es war auch nicht sehr schwer, da er sichtlich geschwächt war.
Ich habe ihn dann zu den Ziegen ins Gehege getan, wo der Kleine sich sofort beruhigte. Der Tierarzt hatte noch Termine zu erledigen, ich konnte aber die nötige Medizin in der Praxis abholen. Ich soll aber unbedingt den Förster anrufen, war sein Rat. Der zuständige Förster hatte mich an den Revier-Jäger verwiesen, laut Gesetz gehöre jedes wilde Tier dem Jäger. Es lässt sich bestimmt darüber streiten, wie vermessen es von uns Menschen ist, so etwas zu behaupten. Wir wollten erstmal gesetzeskonform handeln und haben den Jäger angerufen.
Der Jäger kam vorbei, ein netter Herr Mitte siebzig. Er meinte nur, wenn wir ihn durchbringen, können wir ihn behalten. Wir haben ihm versprochen, zur Namenstaufe werden wir ihn auch einladen.
Das Kitz hatte sich in einer engen Stelle hinter dem Holzstapel versteckt. Es passte gut, denn dort konnte er nicht weg, sodass ich ihn behandeln konnte. Ich habe ihm alle Maden einzeln mit der Pinzette entfernt, die Wunde gesäubert und die Wundsalbe drauf getan. In der Zeit wollten alle unseren Tiere sehen, wen ich da in der Ecke habe. Die Ziegen standen direkt hinter mir, die Katzen saßen auf dem Holzstapel und alle beobachteten ganz aufmerksam, was ich da mache.
Noch hinter dem Holz fing er an Blätter zu fressen, die Tarja ihm reichte. Als ich fertig war, fühlte er sich wie zu Hause, ging sofort ans Grasen. Wir haben dann im Internet recherchiert und an den Seitenflecken festgestellt, dass der Kleine etwa 4 Wochen alt war. In dem Alter brauchen sie nicht mehr so viel Milch und können schon mit Grünfutter überleben. Wir holten Ziegenmilch für ihn, die er sehr gerne wegschlabberte.
Wir nannten ihn Erik. Er war so lieb und zahm, lief sofort entgegen und leckte die Hände und Arme ab. Man kann das Gefühl nicht beschreiben, wenn so ein zartes Wesen so viel Vertrauen und Zuneigung entgegenbringt!
Die Wunde schien gut zu verheilen. Erik war DIE Attraktion in der Strasse. Wir überlegten für die Zukunft, wie wir das Gehege nicht nur ziegen- sondern auch rehsicher machen können. Eines Morgens hörten wir entsetzliche Schreie. Erik lag an der Stalltür und schlug wild um sich. Der Tierarzt kam sofort und hat zwar eine Spritze gegeben, viel Hoffnung gäbe es nicht, meinte er. Wir brachten es nicht übers Herz, Erik einschläfern zu lassen. Wir wachten abwechselnd bei ihm, bis er abends eingeschlafen war. Sehr wahrscheinlich war die Wunde tiefer als es schien, sagte nur der Arzt.
Wir sind Erik sehr dankbar für das unglaubliche Geschenk, für die zwei Wochen, die er bei uns verbracht hat.
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