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Nachbarschaftshilfe
Am Anfang wurden wir neugierig aber verstohlen beobachtet. Es gab immer wieder kurze Gespräche am Zaun, sehr geheuer waren wir den Nachbarn scheinbar nicht. Wer kann es denen verdenken? Es kommt ein seltsames Paar aus dem Westen nach Sohland in das alte Haus, eine Finnin und ein Rußland-Deutscher. Dann noch der Altersunterschied. Und das unvorstellbare: sie essen kein Fleisch! Nicht mal Hähnchen! Auch Wurst nicht! Ist bestimmt irgendeine Sekte!..
Es änderte sich bei einer Versammlung anlässlich der abgeschlossenen Strassenbauarbeiten. Wir saßen mit ein paar Nachbarn an einem Tisch, es gab Wein und Bier, und die Neuankömmlinge konnten endlich offen gemustert und ausgefragt werden. Das Ergebnis von dem Abend war, dass wir einen ehemaligen Forstarbeiter kennenlernten, der am nächsten Tag um acht Uhr vor unserem Haus mit Axt und Kettensäge stand. Denn wir wollten mit ihm in unseren Wald fahren und ein Paar Bäume fällen. Der Forstarbeiter brachte auch seinen Kumpel mit, einen ehemaligen Zimmermann.
An dem Tag haben wir einige Bäume am Rande gefällt und ein Paar trockene aus der Waldmitte zersägt. Damit sorgten wir schon für übernächsten Winter vor, denn für den nahenden Winter hatte ich schon jede Menge trockenes Holz mit der Handsäge zerkleinert und heimgefahren. Keiner von den beiden wollte mir das glauben.
Bei einer Pause im Wald fragte ich den Zimmermann, ob er uns einen Tip geben könnte. Denn wir haben einige große Fenster geschenkt bekommen, aus denen wir gerne ein Gewächshaus bauen wollten. Wir hatten aber keine Ahnung, wie. Er sagte nur, er müsste es sich angucken.
Nach ein Paar Tagen kam er aufgeregt zu uns und meinte, er hätte seit dem Gespräch nicht mehr geschlafen und immer nur überlegt, wie wir das lösen könnten. Denn er sah ein, dass er seinen üblichen Stundenlohn nicht von uns verlangen konnte. Wir hatten einfach nicht so viel Geld. Andererseits war er sehr bestrebt, uns zu helfen. Irgendwann in der Nacht sei im eine Lösung eingefallen: Er würde kostenlos an unserem Gewächshaus mitarbeiten, wenn ich ihm bei einigen Aufgaben helfen würde.
Was Besseres konnte uns nicht passieren. Er profitierte von meiner Arbeitskraft, wir profitierten von seinem Wissen, Beziehungen und seinen elektrischen Geräten. Allein an Sägen habe 12 Stück bei ihm gezählt...
Mit seiner Anleitung lernte ich ein Gewächshaus bauen und Brunnen säubern, Kanalisation anschliessen und Hof pflastern, Holzgerüst bauen und Dach mit Dachschindeln decken. Der Zimmermann hat uns jede Menge Wissen vermittelt und Geld gespart. Es war nicht immer einfach mit ihm, wir mussten auch lernen, uns durchzusetzen. Er kann es immer noch nicht verstehen, warum wir das Heu mit der Sense hauen und nicht mit seiner selbstgebastellten 13-PS-Haumaschine (die bei uns unter dem Code-Namen "Höllenmaschine" läuft, so laut und stinkend ist sie).
Inzwischen sind wir schon viel unabhängiger geworden und der Rat des Zimmermanns wird nicht mehr so oft gebraucht. Umso öfter kommt er jetzt zu uns, denn er hat entdeckt, dass es im Internet die Ersatzteile für seine vielen Geräte gibt. Mindestens 3 Geräte sind bei ihm immer gleichzeitig defekt, bis die repariert sind, sind schon die nächsten 4 bis 5 im Eimer. Auch sein Auto geht immer wieder kaputt, rein gefühlsmässig habe ich schon 90 % der Komponenten dafür bei ebay oder sonst im Internet gesucht und ersteigert.
Der Zimmermann hat für uns eine Tür geöffnet, durch ihn haben wir die Gegend und die Leute kennen gelernt. Wir hoffen, wir können diesem Nachbarn noch lange helfen. Vielleicht hat er auch noch einen oder anderen Tip für uns, wir wollen noch einiges bauen...
Mit den anderen Nachbarn haben wir auch ein gutes Verhältnis. Obwohl jeder von denen uns davor warnte, dass die Leute hier sturr und eigensinnig sind, "De Granitschadel" eben. Wenn jemand kleine Bäume wegmachen will, weil sie beim Rasenmähen stören, ruft man uns. Denn bei Bäumen oder Büschen sagen wir nie nein. Bei alten Möbeln, die man uns anbietet, lehnen wir inzwischen dankend ab (unser Haus ist ja sehr klein ;-)).
Wenn wir mit Nachbarn gemeinsam über die "Wessies" lästern, kauft man es uns fast schon ab...
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